Autor: Rolf Schröder

  • Recht auf Homeoffice.

    Vor kurzem war Homeoffice der Fasan der Arbeitswelt. Eher selten anzutreffen, dafür aber bunt und niedlich. Dann kam Covid und aus dem Fasan wurde eine schnöde weiße Henne, die zu Hunderttausenden die Wohnungen der Republik bevölkert. Jetzt soll ihr ein Denkmal gesetzt werden. Unser Arbeitsminister möchte Homeoffice zu einem einklagbaren Recht für alle machen.

    Was hat er sich bloß dabei gedacht? Naheliegend wäre, unser Arbeitsminister möchte sich schlicht und einfach beliebt machen. Okay, das ist menschlich und geht in Ordnung. Weniger in Ordnung ist die damit verbundene Unkenntnis der digitalen Welt.

    Home office vs remote work

    Homeoffice ist nur eine Möglichkeit unter vielen. Von einem Büro (in der Firma) in ein anderes Büro (Zuhause) zu wechseln, kann sinnvoll sein, muss es aber nicht. Mitunter ist ein Workspace, ein Cafe, die Gartenlaube oder der Strand auf Bali die bessere Alternative. Entscheidend ist nicht wo wir arbeiten, sondern welche Umgebung die beste ist, um die Arbeit zu erledigen. Wer also Homeoffice sagt, sollte das noch einmal überlegen und gleich das ortsunabhängige Arbeiten (remote work) fordern. Alles andere ist zu kurz gesprungen.

    Es darf bezweifelt werden, dass unser Arbeitsminister das in diesem Sinne so meint und im Gesetz die Aussage sehen möchte: „Jede*r hat das Recht zu arbeiten, wo es ihr oder ihm gefällt.“ Mit Verlaub, für so fortschrittlich werden ihn nur die wenigsten von uns halten.

    Recht einklagen

    Können wir zukünftig vor Gericht ziehen und Homeoffice einklagen? Wenn es ein Recht ist schon, in der Praxis wahrscheinlich eher nicht. In dem Gesetz werden sich vermutlich Formulierungen finden, die darauf hinweisen, dass nur dort, wo es möglich ist und keine betrieblichen Hinderungsgründe dem entgegenstehen, ein Recht auf Homeoffice besteht. Und wer bestimmt das? Chefs? Genug Umwucht also im Alltag (einige machen es, andere nicht) und ausreichend Gelegenheit für Zank und Streit.

    Die Idee, remote work einen größeren Raum als derzeit zu verschaffen, ist richtig und notwendig. Die dazu notwendigen Voraussetzungen (Infrastruktur, schnelles Internet etc.) müssen jedoch erst geschaffen bzw. verbessert werden. Hier ist Politik gefordert und sollte tätig werden. Die Ausgestaltung des wie, wann und wo sollte den Mitarbeiter*innen und Unternehmen überlassen bleiben. Sie wissen am besten, was möglich, sinnvoll und notwendig ist. Ein Gesetz braucht es dafür nicht. Es könnte sich nämlich schnell als kostspieliges und hemmendes Unterfangen herausstellen, das Arbeitsgerichte beschäftigt und Anwälte reich machen wird.

  • Zuerst ich, der Rest ist mir egal.

    Das Geld ist knapp, jetzt wo fast alles wegen des Lockdowns still steht. Kleine wie große Unternehmen trifft es. Einige hart, andere existenzgefährdend. Manche haben Rücklagen, können sich einige Wochen, vielleicht gar Monate über Wasser halten. Für andere undenkbar. Freiberufler, Selbstständige oder Cafebetreiber*innen, um nur einige zu nennen, kämpfen um ihre Existenz. Um ihnen zu helfen, haben Bund und Länder Auffanglösungen erdacht. Zuschüsse, Kredite oder andere Hilfen sollen denen zugute kommen, die es am nötigsten haben.

    Doch wie es scheint, haben das einige nicht verstanden. Aus meinem beruflichen Umfeld erfahre ich, dass bisher sehr gut verdienende Berater*innen schnell mal einen Antrag ausfüllen, um an diese oder jene Unterstützung zu gelangen. Mit Erfolg. Weil sie wissen wie es geht und weil sie Ahnung haben, wo und wann es diese Gelder gibt, sind sie im Vorteil. Und nutzen ihn. Das kann man machen, ist aus meiner Sicht aber nichts weiter als eine große Sauerei. Denn die, über die ich hier schreibe, benötigen das Geld nicht. Sie nehmen es, weil es vorhanden ist.

    Dabei spielt es für mich auch keine Rolle, ob sie es vielleicht irgendwann, weil sie es unrechtmäßig bezogen haben, zurückzahlen müssen. Ich erwarte, dass sie einen solidarischen Beitrag leisten und es gar nicht erst nehmen, damit andere, denen das Wasser bis zum Hals steht, weiter machen können.

    Es handelt sich hier nur, aber immerhin, um einige Tausend Euro im fünfstelligen Bereich. Es bedarf keiner großen Fantasie sich auszumalen, dass es viele andere noch wilder, will heißen, in noch größerem Ausmaß treiben. Missbräuchliche Nutzung von Hilfen, wohlgemerkt nicht im rechtlichen, sondern im solidarischen Sinne, wird es auch in anderen Branchen geben. Es gibt überall diese Art von parasitären Nutznießern. Keine Frage, die überwiegende Zahl der Anträge ist vermutlich berechtigt, doch dadurch werden die wenigen unberechtigten nicht salonfähig oder gar tolerabel.

    Wo es geht, sollten wir dieses „zuerst ich, der Rest ist mir egal“ verurteilen und Stellung beziehen. Wenn wir davon erfahren, müssen Sätze wie diese fallen: „Das ist nicht in Ordnung, was du da machst – lass es sein!“

    Viel Glück. Sie werden es brauchen. Denn Menschen wie Sie, die dieses Verhalten verurteilen, werden nicht gemocht. Doch das kleine Cafe, in dem Sie Ihren geliebten Cappucino trinken, wird es Ihnen danken. Weil es mit den finanziellen Hilfen und durch Menschen wie Sie, die Corona-Krise überstanden hat.

  • LEAD MY DOG

    LEAD MY DOG

    Laut Statista leben in Deutschlands Haushalten ca. 12 Millionen Hunde. Sie sind meist nicht berufstätig und führten, bis vor kurzem, ein unbeschwertes Leben zwischen Müßiggang und Dosenfutter. Doch das ist jetzt vorbei. Covid-19 hat auch ihr Leben radikal auf den Kopf gestellt. Herrchen, Abteilungsleiter eines mittelständischen Gesundheitsunternehmens, macht Homeoffice. Und das ändert alles.

    Vor sechs Jahren hat Herrchen den Hund Robert, eine Mischung, aus Terrier und Zwergziege, aus dem hiesigen Tierheim geholt. Seit dieser Zeit hat Robert ab 08.00 Uhr morgens, wenn Herrchen in die Firma geht, die gesamte Wohnung für sich. Wenn man die beiden Katzen außer acht läßt. Robert betrachtet sie aber ohnehin, als nicht zur Hausgemeinschaft gehörig. Geduldet, aus humanitären Gründen, so sieht er das. Robert lässt sie stets links liegen. Auch weil sie diese unangenehme Angewohnheit haben, ihn mit ihren messerscharfen Krallen zu bearbeiten. Vorzugsweise, in dem sie auf seinen Rücken springen, sich dort festkrallen, als wären sie auf einem Bullriding Turnier um dann seine Nase in feine blutige Streifen zu zerlegen. Als wollten sie Aufschnitt daraus machen. Geschenkt. Blöde Katzen. Darüber kann Robert nur lachen.

    Doch was jetzt passiert, Herrchen macht Homeoffice, darüber kann Robert nun ganz und gar nicht lachen. Vorbei die Zeiten, in denen ab acht Uhr sturmfrei war. Jetzt ist ER da. Robert hat sich angewöhnt ihn fortan nicht mehr Herrchen zu nennen, sondern nur noch ER. Wer Roberts Leben so durcheinander bringt wie ER, hat das Recht auf die respektable Bezeichnung Herrchen verspielt. Aus und vorbei. Vorbei auch die schöne Gewohnheit um sieben Uhr eine prall gefüllte Schüssel, dieses exzellenten Hundefutters aus biologischen Zutaten vorzufinden. Vorbei, denn ER hat wichtige Termine. Telefon- und Video-Calls, wie ER sie nennt. Die natürlich nicht warten können. Das Robert, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit, irreparable Schäden durch unregelmäßige Mahlzeiten davontragen wird, geschenkt.

    Das alles wäre irgendwie noch zu verkraften, doch nun hat ER seine Fürsorgepflicht entdeckt. ER ist schließlich Führungskraft und verantwortlich für das Wohl und Wehe seiner Mitarbeiter*innen. Und da ER nun Homeoffice macht und Robert da ist, ist Robert ein Mitarbeiter um den sich gekümmert werden muss. Besonders in diesen harten Zeiten. Und da gibt es ein Problem, dass ER lösen muss. Der tägliche Spaziergang mit Robert führt in den nahe gelegenen Park und dort über eine ausgedehnte Wiese. Diese Wiese betreten viele andere Menschen. Die dort auf Gras niesen und vielleicht sogar spucken. Folglich muss die Wiese mit Corona-Viren geradezu überschwemmt sein. Robert wird förmlich in Viren ertrinken, seine Pfoten zur Heimat ganzer SARS-Stämme. Gruselig denkt ER.

    Das Problem ist zu komplex und in seinen Auswirkungen zu groß, als das ER das allein entscheiden kann und will. Robert sieht wie ER einen Video-Call mit seinem Haus und Hof-Coach führt.

    ER: Stellen Sie sich vor, wenn Robert die Pfoten voller Viren hat, was kann da nicht alles passieren?

    Coach: Ist das nicht ziemlich unwahrscheinlich?

    ER: Unwahrscheinlich ist heutzutage gar nichts. Schließlich schläft Robert bei mir. In meinem Bett. Nun ja, es ist ja so, Robert leckt morgens gern meine Zehen. Ein kleines nettes Ritual, Sie wissen schon. Wenn er zuvor also auch seine Pfoten….. Dann überträgt er doch das Virus? Vielleicht kann eine mutierte Form sogar über Bettdecken laufen. Zudem gehöre ich mit meinen 53 Jahren zur Risikogruppe und kann mir das gerade jetzt nicht leisten.

    Coach: Ich habe von solch einem Fall noch nicht gehört.

    ER: Irgendwann ist immer das erste Mal. Was kann ich also tun?

    Coach: Gehen Sie mit Robert nicht mehr über die Wiese.

    ER: Das ist keine Lösung, die Viren sind überall. Wir sehen sie nicht. Sie sind ja extra so klein, damit wir sie nicht finden können. Wenn sie groß wie Regenwürmer wären, wäre das alles kein Problem. Aber ich hab eine Lösung. Wieso bin ich da nicht früher drauf gekommen. Danke für das Gespräch. Ich melde mich wieder.

    Eigentlich hat sich Roberts Leben seit diesem Video-Call nicht großartig verändert, sieht man von den selbst genähten Stoffschuhen ab, die ER ihm jetzt jedes mal vor dem Gassi-gehen über die Pfoten zieht. Ein wenig rutschig sind die Dinger ja schon, aber was soll`s, sie machen in ihrem Knallpink richtig was her.


    PS
    Wo hat ER bloß den Stoff her?

  • Veränderung. Mit Begeisterung vor die Wand.

    Veränderung. Mit Begeisterung vor die Wand.

    Wissen Sie wie das ist, wenn Ihnen vor lauter Begeisterung die Gäule durchgehen? Ihre Ideen sprudeln wie die Fontäne des Trevi–Brunnen in Rom. Und jedes weitere Wort entfacht immer noch mehr Begeisterung bei Ihnen. Bis Sie einen kurzen Seitenblick auf die Menschen um Sie herum aufschnappen. Die schauen aus wie eine Gruppe Kapuzineräffchen die einen Artgenossen dabei beobachten, wie er versucht eine Banane mit einem Schweißbrenner zu öffnen. In den Blicken der Horde liegt ungläubiges Staunen, vermischt mit bedauerndem Stirnrunzeln und peinlicher Berührung einen solchen Deppen in der Gruppe zu haben. Vor ein paar Wochen war ich ein dieser Depp.

    Wir saßen zusammen um die Kommunikation im Unternehmen zu verbessern. Verschiedene Wege wurden besprochen, Software und digitale Werkzeuge die eingesetzt werden sollten, bewertet. Was für einen Hund der leckere Fleischknochen, sind für mich digitale Werkzeuge und Software. Höre ich diese Worte, überschwemmt Speichel meinen Mund, wie sonst nur der Nil seine Ufer flutet. Und im Hirn feuern die Neuronen, als gäbe es kein Morgen. „Oh, ja, da gibt es neben Slack und natürlich Treema auch noch Monday. Wunderbare Tools. Auf dem Gebiet der Colaberation Software eigentlich unschlagbar. Natürlich lassen sich auch gute Ergebnisse MS 365 erzielen. Doch auch hier gibt es starke Wettbewerber mit der GSuite.“ Diese und ein paar weitere Sätze später erwachte ich aus meinem Rausch und sah – die Kapuzineräffchen. Sie sahen mich schon gar nicht als ein Mitglied ihrer Art, sondern betrachteten mich eher wie ein außerirdisches Wesen, dessen Worte der Google Translater noch nicht übersetzen konnte.

    Nachdem ich erklärt hatte, dass ich sonst diese Zustände mit Medikamentenunterstützung eigentlich ganz gut im Griff habe, und heute offenbar die Dosis nicht hoch genug war, konnten wir weiter machen. Allerdings spürte ich noch nach einigen Stunden eine gewissen Zurückhaltung bei den Mitarbeiter*innen. Sie schienen nicht sicher, ob mein Zustand stabil blieb.

    Veränderungen haben immer mindestens vier Ebenen die es zu berücksichtigen gilt. Das ist die technische Seite. Software, Tools etc. Dann die Seite der Prozesse und der Aufbau und Ablauforganisation des Unternehmens. Zu guter letzt, die vierte Ebene, die der Kultur und Glaubenssätze der Menschen in diesem Unternehmen. Und dieser vierten Ebene habe ich viel zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet. Die Menschen hatten mit neuen technischen Lösungen, neuer Software und den versprochenen Verbesserungen in der Vergangenheit schlechte Erfahrungen gemacht. Nichts hat funktioniert wie versprochen, stets hat es mehr Arbeit als vorher gegeben und am Ende wurde doch zur alten Verfahrensweise zurück gekehrt.

    Ich hätte viel intensiver mit ihnen über ihre Glaubenssätze sprechen müssen. Mehr darüber herausfinden was sie denken, welche Erfahrungen sie gemacht haben und wie Lösungen aussehen sollten, die sie mittragen würden. Und natürlich hätte ich neben den Vorzügen auch auf die möglichen Schwierigkeiten, Hindernisse eines neuen Weges hinweisen sollen. Wie gesagt, Fehler über Fehler die ich gemacht habe und dadurch an den Mitarbeiter*innen schnurgerade vorbeigeredet. Mein Fazit: Halte deine (Lieblings)-Pferde am Zügel, solange das Rennen nicht eröffnet ist. 🙂